Leonardos Fahrrad? jörns notizen

10.
Mai
2008

Eine Fahrt ins... Gelbe?

Es fängt immer ganz harmlos an. Frühlingsmorgen. Duftes schwanger ist die Luft, heraußen sonnen sich die Tulpen in rot und gelb, und Traubenhyazinthen stehn dazwischen, blau leuchtend, und darüber in zartrosa-weiß Tränendes Herz. Der Flieder birst vor Blütenlaune, das Obstgehölz steht da in weißer Pracht, von allen Seiten summts und brummts von Bienen und von nektartrunknen Brummelhummeln, die regennasse Straße ist mit weißen Blütenblättern tapeziert. Der Frühling probt den Sommer.

Ausgeflogen also, vor die Tore, hinaus ins Blaue, nichtsahnend, und… der Raps beginnt zu blühen. Blühender Raps macht mich so melancholisch. Blühender Raps hat sowas flirrendes, sowas von Sommerhitze. Blüht der Raps, dann sehe ich im Gelb der Felder einen Malstrom, der den Frühling frisst. Ich will auf andere Gedanken kommen. Also, das Gelb… Und dann passierts: Wir fahren doch eigentlich ins Gelbe, heute jedenfalls; das Blau ist fern und gleißt sich etwas mühsam durch den Dunst am Horizont.

Warum fährt man “ins Blaue”? Der Flachs. Angeblich. Das Blau am Horizont, es hätte mir gereicht als eine Erklärung für die Fahrt ins Blaue, aber die der flachsbedeckten Felder, sie gefällt mir besser. Nicht so sehr des Flachses Blüten wegen, die sind uns gar nicht gegenwärtig, obgleich es ein schönes Bild ist, flachsblaue Felder vor den Toren, statt dieses Quietscherapsgelbs überall. Flachs bringt mir das Rad im Kopf zum Laufen, das Spinnrad, lenkt mich ab vom Rapsmalstrom.

Und der Faden quillt und quillt und spleißt und quillt mir über, wie so eine aufgesprungne Baumwollfrucht. Baumwolle, die den Flachs beerbte als Lieferant der Weberei. Baumwollne Laken nun, wo vorher Linnen gilbte. Das Gelb lässt mich nicht los. Flachs ist Lein, und schon sehe ich in goldnem Gelb das Leinöl in der Apernmauke einen Bergsee bilden. Apernmauke ist Kartoffelmus, Apernmauke mit Leinöl und Quark ein Oberlausitzer Grundnahrungsmittel, und wem das Leinöl nur nach Firnis riecht, der mag mir bitteschön seine Portion abgeben. Und das, obwohl ich nur ein Zugereister, gelegentlich, und erst recht spät auf den Geschmack gekommen bin. Rapsöl schmeckt vergleichsweise nach nichts. Dafür leuchtet Raps intensiver. Aber ich will nicht herumflachsen, wie die alten Spinnerinnen.

Ich suche den Ursprung jeder Fahrt ins Blaue, such die Wurzel in der Sprache. Und finde blau und gelb verwandt, mit gleißen, gitzern, schimmern. Und mit grün, wenn dies auch nicht im Deutschen, weil grün nun wieder von so einem dieser wunderbaren Verben herstammt, die leider, leider untergingen und vielleicht deshalb so warm und derb und voller Kraft in meinen Ohren klingen: althochdeutsch gruonen, für wachsen, sprießen.

Und lande bald bei grün und blau in verschiedenen Sprachen, wo ich zum ersten Male lese, wie unterschiedlich wir auch in Bezug auf Farben in unseren Empfindungen und Wahrnehmungen geraten sind. Viele Sprachen werfen blau und grün in einen Topf – oder unterscheiden diese Farben nicht so vordergründig, wie es uns Gewohnheit ist.

Und so finde ich mich bei einem Thema wieder, das mich schon so lange Zeit umtreibt und durch diverse Wälzer durch, und dem ich wegen meiner eigenen Verwurzelungen so schwer nachfühlen kann: Was macht Sprache mit mir? Wie befangen macht sie mich? Ich vermeine, sie als Werkzeug zu benutzen, und doch ist da das Erleben, dass ich auch ein Produkt der Sprache bin, in der ich denke. Vom Genus der Dingwörter (der Mond, die Sonne versus la luna und il sole) über mir geläufige Zeitformen der Verben zu geliebt-gewohnten Zweigen der grammatikalischen Struktur, und eben immer wieder die unterschiedlich intensiven Unterscheidungen von Details, nun also auch die Farben. Ein blüner Ozean tut sich da auf, und eben jener Artikel aus der ZEIT lässt mich zugleich über den Sinn von Wegen sinnen, auf denen man natürlich immer Hase ist; der Igel war schon da: ich will die Furche selber gehen und will die Krumen alle selbst erleben, für mich. Das erdet.

Vom Hundertsten zum Tausendsten, der Frühling trieb auf eine Fahrt ins Blaue, und zwischen leuchtend gelben Feldern kehr ich unter abendrotem Himmel heim, den Kopf voll Sprachgewirrs und wirren Denkens um die Sprache, die nicht nur Wörter ordnet, auch Bildersprache sein kann oder jene der Musik, es ist doch alles Sprache, und kehr ich heim zu dem Bewusstsein, dass wirklich Neues oft so sehr ums Leben ringt, weil es sich eine neue Sprache sucht, die nicht gewohnt, geläufig, nicht so leicht empfunden ist. Und bewahre mir den Glauben, dass, so alt und angewöhnt auch eine Sprache sein mag, wenn sie nur nicht zu simpel ist, doch wirklich Neues auch in dieser alten Sprache wachsen kann. Und bin wieder mal bei der Frage, was mir das Größere ist, auf alten Pfaden Neues zu suchen, oder für Neues neue Wege zu konstruieren. Und lande beim Gefühl. Bei dem der Müdigkeit. Ein gelber Malstrom reißt mich in das Reich der Träume.

10. Mai 2008, 21:52