Leonardos Fahrrad? jörns notizen

08.
Dezember
2008

Roh(r)bruch

Rohrbruch, das System hat einen Schaden, ob es nur der Dachschaden einiger Möchtegerns ist, bin ich noch nicht sicher. Und manche Dinge will ich nicht genauer wissen: Noch roh nur schnell rausgebrochen, weg damit und aus den Augen.

Gespannt bin ich nur, welcher überbewertete Berufsstand sich nach den Bossen und den Bankern demontieren wird. Vielleicht die Automarkenhalter, jedoch sind die schon lange nicht mehr ernstzunehmen, seit sie vor ein paar Jahren vom Ende jenes Auto-Booms östlich der alten Mauern gänzlich überrascht in dicke Tränen ausgebrochen sind.

Die Rezession. Zunächst war ja beschwörend noch die Rede vom Ruhe bewahren, und eine sorgenvolle Frage wurde schon mal als Panikmache tituliert. Wäre ja auch dumm gewesen, wenn ein ganzes Volk seine niedrig verzinsten Sparsäckel hätte leeren wollen. Jetzt, wo weltweit die Börsenzocker so weich geworden sind in ihren Birnen, dass fast jede Aktie dramatisch unter Wert zu haben ist, da braucht man doch das Barvermögen, für den Reibach. Denn das Dumme an dem großen Clou ist, dass kaum mehr jemand Geld verleiht. Naja, wir Steuerzahler sind da nicht so, ein paar Milliarden geben wir doch gerne. Und damit auch alle begreifen, wie wichtig es ist, in diesen kalten Zeiten wärmend Steuergelder zu verbrennen, stehen nun die gleichen Wirtschaftskennertypen, die noch vor ein paar Wochen alles Panikmache nannten, da und allenthalben schallt es “Rezession!”

Was ist das überhaupt, so eine “Rezession”? Das Wort kommt von lat. recessio, vom Zurückweichen also, vom lateinischen Verb re-cedere. Das Vertrauen in was auch immer bricht zusammen, das große Seifenblasenplatzen, plötzlich weicht jeder und alles zurück, und dann stehen sie da und reden von “rückläufiger wirtschaftlicher Entwicklung”. Sie, die in etwas bessren Zeiten stattdessen nur “Abschwächung der Konjunktur” beweinen. Das hab ich so für mich bisher immer mit “Abschwächung des Wirtschaftswachstums” übersetzt und mich über die wortklaubenden Schönschwätzer aufgeregt.

Die angebliche Rezession ist mir in Wahrheit wurst (hab eh kein Geld, um jetzt zu investieren), also les ich unter “Konjunktur”, und muss mich revidieren: Es ist ja nur eine “Wirtschaftliche Gesamtlage von bestimmter Entwicklungstendenz”. Nix von Wachstum, dem Wirtschaftsdogma, das mir noch niemand begreifbar machen konnte. Ich lese, dass “Konjunktur” wohl seit dem 17. Jahrhundert als Fremdwort für “Lage der Dinge” verwendet wurde, seit dem 18. Jahrhundert dann auch kaufmännisch, und es entspricht lat. coniunctio, ist eine Bildung zu lat. con-iungere für “verbinden”. Wirtschaft und Verbinden, das klingt logisch, seit Filz, Bestechung, Mafia vornehm “Netzwerk” zu nennen opportun geworden ist. Aber, ha, es kommt viel ärger: Eine coniunctio stellarum, die Konstellation der Sterne ist Urahn, die Verwendung des Wortes “Konjunktur” entstammt… der Astrologie!

Dem wäre nichts hinzuzufügen. Außer, dass man es doch eigentlich schon immer wusste. Und auch das ist wortgeschichtlich nachzulesen: das Wort vom Wucher stammt vom althochdeutschen wuochar – für Frucht und Nachwuchs, für Gewinn. Aber bereits im Mittelhochdeutschen, also zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert bekam es den abwertenden Geschmack unverhältnismäßig hohen Gewinns aus ausgeliehenem Geld. Niemand kann behaupten, vom Giftquell nichts gewusst zu haben.

8. Dezember 2008, 07:45