Leonardos Fahrrad? jörns notizen

18.
Dezember
2008

Verführungs-Kunst

Kunst-Verführungskünste sind scheel angesehen; es ziemt sich nicht, die Kunst bekömmlich zu servieren, ist sie doch Medizin für Geist und Seele, und Medizin muss bitter schmecken. Zumal wir als Gebührenzahler manch Künste finanzieren, die über die Verführung nicht hinausgekommen sind.

Doch zu verführen ist – bei aller Anspruchslosigkeit des einen oder anderen – noch immer eine Kunst, und wenn es dann Verführung gar zur Kunst ist, ist das dann nicht die Königsdisziplin? Ich liebe Bücher und bedarf einer Verführung zum Lesen eher nicht. Aber ich weiß Verführung zu genießen. Vor kurzem war ich zum ersten Mal im BuchHaus Loschwitz, und dass ich da erst jetzt war, war ein großer Fehler: Es ist berauschend, wenn man auf so kleinem Raum vor solch Regalen steht! Fast jedes Buch verführt zum Lesen. Die Auswahl ist so fein getroffen, dass ich nicht mehr zu unterscheiden in der Lage bin, ob mich die Bücher dort in ihren Bann ziehn, weil sie genau so sind, wie ich die Bücher mag, oder weil ich in diesem Laden mich nach kurzer Zeit erkannt und aufgefangen fühle. Es ist Magie. Und der Beweis, dass es nicht großer Ketten und tausender Quadratmeter bedarf, um einen Buchladen besuchenswert zu machen. Buchläden zwischen den Extremen “feine Auswahl” und “aus Verzweiflung alles” mögen Schwierigkeiten haben. Der gutsortierte kleine aber hat noch Zukunft. Wenn wir ihn nur nicht übersehen. Buchhandlung des Jahres übrigens, sehr, sehr zu recht.

Schwerer zu übersehen ist “Lesen!” von Elke Heidenreich. Was ich von ihr und auch von diesem Reich-Ranicki in den letzten Wochen um den Eklat beim Fernsehpreis wahrgenommen habe, war erfrischend – nicht immer fand ichs überzeugend, nicht immer ganz vernünftig und durchdacht. Dass sie mit ihrer Sendung aus dem gebührenfinanzierten Fernsehn rausgeflogen ist, empfind ich als Gebührenzahler als eine Frechheit und Dummheit der Gebührenfresser, aber seis drum, ihr Neustart lässt mich hoffen. Nun ihre zweite Sendung schon an neuem Platz, auf litCOLONY.de – diesmal für mich nicht so überzeugend wie die erste dort, was solls, man kann sie alle sehen, in recht ordentlicher Qualität, wenn es der Zugang und der eigne Rechner leisten. Wär nett, wenn es die Sendungen direkt zum Download gäbe, denn die Teledumm hat es in Dresden noch immer nicht geschafft, an allen Orten DSL zu bieten. Alles, was man auf dem Computerbildschirm zu sehen bekommt, lässt sich doch ohnehin auch speichern (man muss nur wissen wie, und es ist nicht komfortabel) – es wäre nur schön, wenn nicht so oft die normalen Nutzer davon ausgeschlossen würden. Naja, jedenfalls erfrischend, diese Heidenreich, ich mag ihre Art, und wenn sie mir manchmal zu tüddelig wird, so bleibt doch immer dies: die spricht ihre Texte noch aus dem Kopf. Oder aus dem Herzen. Jedenfalls weiß die noch, was sie uns sagen will. Und das genieße ich. Und mir ist wurst, wenn sie dann mittendrinne doch mal auf ihren Zettel schaut und wenn sie noch die aktive Kamera nicht findet, die Frau redet ohne Punkt und Komma und ist begeistert und sie will begeistern. Kritik ist etwas anderes, das sagt sie selbst, Kritik kann amüsant sein, aber verführen wird mich immer eher die Empfehlung, wenn sie so herzlich ist.

18. Dezember 2008, 08:30