Leonardos Fahrrad? jörns notizen

21.
Dezember
2008

Schon wieder Weihnacht.

Mir scheint, dass die Adventszeit in jedem Jahr ein Stückchen kürzer wird. Drum halt ich inne, und ich sehe noch die Lichter, die sich in unsren Kinderaugen spiegelten. Die Wohnung war vom Duft der Stollenbäckerei erfüllt, die Tage bis zu Heiligabend rannen zäh wie Honig, und jeden Tag gab es ein Stückchen aus der Weihnachtsgeschichte zu hören. Mündend im Stall unter dem Stern, die Krippe zwischen Ochs und Esel, darin das goldgelockte Kind in reinlichen Windeln… Weihnacht sind die Kirchen gut gefüllt. Man holt sich schnell noch etwas Weihnachtsstimmung ab, bevor dann im Familienkreis die Krise naht. Manch Pfarrer kann in seiner Weihnachtspredigt dem nicht widerstehen und watscht die seltnen Gäste ab. Verständlich und doch traurig. Stille Nacht, heilige Nacht, süßer die Glocken nie klingen, wenn sich nur der Orgel nicht die Pfeifen zusetzen bei so viel Süßkram. Den ich aber gar nicht missen möchte: Zur Weihnacht ist eine Extra-Portion seliger Verklärtheit erlaubt.

Was ist uns Weihnachten? Tradition. Familienfest. Geschenkemarathon. Achja, Heilands Geburtstag. Und, in abertausend Krippenspielen zelebriert: so arm geboren. Uns allen geboren. Aber was macht Weihnachten so groß? Was ist der Knabe in der Krippe gegenüber den vielen überlieferten Gleichnissen, seinem Weg und seinem Ende am Kreuz? Ist es, weil das Bild vom Kind in der Krippe so hübsch bequem zu verstehen ist?

Bei Karl Baier bin ich auf eine Sicht gestoßen, die mir die vielen kleinen Risse im Weihnachtsbild verheilen hilft. Eine Sicht, die wie so viele Einsichten der Antike und besonders des Mittelalters von der Romantik überpinselt wurde. Weihnacht als Feier der Dreifachgeburt, Geburt als Sohn des Gottes, als Sohn der Maria und damit Mensch unter Menschen, und Geburt Gottes in jedem Menschen, der sich darauf einlassen möchte. Womit wir wieder bei den Krippenspielen wären, mit den Hirten und den Weisen, den Armen wie den an vielerlei Gaben Reichen, die diesem Ereignis anheimfallen, für die es ein Wendepunkt des Lebens wird. Und was ist mit der Gemeinde zwischen diesen Extremen, die süß bedudelt hernach gen Christbaum zieht, eine schöne Bescherung? Von Origines ist überliefert: “Was nützt es mir, wenn Christus geboren wird aus der heiligen Jungfrau, aber nicht in meinem Inneren?” Und Meister Eckart sagt zu diesem Thema, zweihundert Jahre vor Luther: “Nun sagt ein Meister: Gott ist Mensch geworden, dadurch ist erhöht und geadelt das ganze Menschengeschlecht. Dessen mögen wir uns wohl freuen, dass Christus, unser Bruder, aus eigener Kraft aufgefahren ist über alle Chöre der Engel und sitzt zur Rechten des Vaters. Dieser Meister hat recht gesprochen; aber wahrlich, ich gäbe nicht viel darum. Was hülfe es mir, wenn ich einen Bruder hätte, der da ein reicher Mann wäre und ich wäre dabei ein armer Mann? Was hülfe es mir, hätte ich einen Bruder, der da ein weiser Mann wäre, und ich wäre dabei ein Tor?” Wie gesagt, siehe bei Karl Baier, Weihnachten: Fest der dreifachen Gottesgeburt – eine Spurensuche.

21. Dezember 2008, 11:05