Leonardos Fahrrad? jörns notizen

03.
Februar
2009

Auf eine letzte Zigarette...

Wieder eine liebgewordene Gewohnheit weniger, kein Donnerstag wird mehr beginnen wie zuvor. Was mag die ZEIT wohl an das Ende ihres Magazines setzen, wo man seit Monaten und Jahren jenen trocknen Kettenraucher lesen durfte, im Kurzgespräch mit Giovanni di Lorenzo? Ich weiß wenige, die Dinge des Lebens so unumwunden kurz und so hanseatisch trocken auf den Punkt zu bringen in der Lage sind wie Helmut Schmidt. Ich ganz gewiss nicht, aber ich bin ja auch kein Kettenraucher. Doch liebte ichs, wie sich dem deutschen Regelwahn allwöchentlich das Zigarettenfoto entgegenstemmte. Ich meine eine Szene zu erinnern, in der ein recht genervter Schmidt einer noch jungen Interviewerin namens Maischberger den Zigarettenqualm mitten ins Gesicht gepustet hat. Immer und immer wieder. Dieser Mensch sagt und lebt, was er denkt, und er formuliert wohl zuweilen diplomatisch, doch immer unverbogen. Das Zigarettenfoto hatte vielleicht ausgedient; die großen Wogen sind ja längst verebbt. Doch seine knappen Kommentare hätte ich noch lange gern gelesen.

Der ZEIT geht es nicht schlecht, es geht ihr sogar ausgenommen gut (laut Pressemeldung vom 21.01.2009: höchste Reichweite seit 18 Jahren). Schmidt meint in seinem letzten Interview an diesem Platz dazu: “Ich glaube, dass der Erfolg damit zusammenhängt, dass die ZEIT immer wieder Denkstücke anbietet, die kein Internet und kein Onlinejournalismus ersetzen kann.”

Das Wort “Denkstücke” gefällt mir, wobei ich den gegenwärtigen Erfolg der Zeit nicht nur ihren Qualitäten zuzuordnen geneigt bin, den aufgegriffnen Themen, den angestoßnen Diskussionen, der bunten Sprache des Feuilletons… die Tageszeitungen fallen schlicht zurück und können schlecht bestehen gegenüber dem Cluster nicht papiergebundner Medien – sie treiben, so vermute ich, ein ordentliches Maß an neuen Lesern der Wochenzeitung zu, nicht nur der Zeit.

Mit seinem Hieb gegen “Onlinejournalismus” und das Internet ist Herr Schmidt jedoch gewaltig auf dem Holzweg. Durch diese hohle Gasse kommen sie heutzutage aber alle, früher oder später. Als ob Autoren ans Papier gefesselt wären.

Das Medium Internet macht den Autoren und Verlagen Angst, weil es so ungewiss ist, wie man damit Geld verdienen soll. Wer nicht sein ganzes Heil in Werbung sucht, tut gut daran; sie ist so schwer zu kalkulieren wie das Wetter, auf lange Frist zumindest. So manche Zeitung machte Pleite, und in den USA gibt es die ersten lokalen Blätter, die in Indien geschrieben werden. Die indischen Gehälter, sie werden langsam steigen – doch wenn sich dieser Globalismus nicht mehr rechnet, sind dann zu Hause noch des Schreibens Kundige zu finden? Es gibt nur einen Weg aus der Misere: Qualität. Und ein gesundes Augenmaß, nicht jeder Mode sich ganz auszuliefern. Gratwandern ist angesagt in Zeiten des Umbruchs. Soll man als Wochenzeitung auf einen gewissen Altruismus hoffen, auf ein Bewusstsein für Gemeinschaft? Ich abonniere diese Zeitung ZEIT nicht, weil manches (wie auch “Auf eine Zigarette”) nicht oder nicht immer im Internet zu finden ist. Ich abonniere sie, weil ich sie lesen möchte, weil sie mir zusagt, und weil sie in dieser Güte zu ihrer Existenz die Abonnenten braucht. Aber kann man auf sowas als Verleger bauen? Und: wieviel monetären Gewinn erlauben altruistisch finanzierte Unternehmungen?

Eines scheint mir sicher: wenn ein Verlag die eigne Zukunft sichern will, dann muss er sich die Köpfe sichern, die ihm Gesicht verliehen.

3. Februar 2009, 18:38