Leonardos Fahrrad? jörns notizen

11.
August
2010

Leonardos Fahrrad

Leonardos Fahrrad ist mir liebgewordenes Symbol. Obwohl und weil die Skizze gar nicht von Leonardo da Vinci stammt. Zumindest höchstwahrscheinlich. Sicher ist, dass man auf diesem Blatt,

Leonardos Fahrrad

Nachvollziehbar, dass diese Skizzenblatt-Collage in den Touristenläden von Vinci gehandelt wurde wie die Kopie der Unabhängigkeitserklärung in den USA: “Seht her, das Fahrrad wurde im Italien der Renaissance erfunden!”

das ich vor Jahren bass erstaunt aus Vinci in Italien mitgebracht, gewaltig nachgeholfen hat.

Es ist eine Collage aus Zahnriemen-Skizzen da Vincis, die einer in Madrid gelandeten Sammlung seiner Blätter entstammen, und eben der Zeichnung jenes Fahrrads. Die soll im Codex Atlanticus gefunden worden sein, ein Band, der im 16. Jahrhundert aus einer Sammlung loser Leonardi-Skizzen zusammengestellt wurde und schließlich in Mailand landete. Das Fahrrad ist nicht ganz in Leonardos Stil gezeichnet, weswegen man die Skizze schnell einem seiner Schüler zugeschrieben hat.

Der Zweifel an Leonardos Fahrrad gründet unter anderem in der Erkenntnis, dass die meisten Entdeckungen nicht aus dem Nichts entstehen. Es gab das Laufrad des Herrn von Drais, dann kamen Pedale an das Vorderrad, schließlich spielte auch die Fahrradkette eine Rolle. Zwischendurch spendierte noch wer eine Gummi-Luft-Bereifung. Alles Komponenten, die wiederum Geschichte haben.

Der Zweifel an Leonardos Fahrrad wird genährt durch die Umstände, unter denen diese Skizze zutage kam – bei einer Restaurierung rückseitig auf einem Skizzenblatt von Leonardo inmitten eher simpler Kritzeleien aufgetaucht, nicht von Leonardos Hand, nirgends nocheinmal zu finden, obschon doch sonst seine Ideen in Details und viele Male skizzenhaft vorhanden sind. Und die Bibliothek, die dieses Blatt bewahrt, denkt anscheinend nicht daran, die Skizze zur Überprüfung ihres Alters rauszurücken. Wenn ohnehin schon alles klar scheint, möchte man sich einen Hauch Vielleicht bewahren.

Aber es wäre schon schön, wenn da Vinci das Fahrrad erfunden hätte. Leonardo war der Zeit voraus, wie das Genies gelegentlich passiert. Viele seiner Apparate mussten in neuerer Zeit erneut erfunden werden. Warum nicht auch das Fahrrad? Zumal der Spruch vom neuerfundenen Rad eine ganz neue Dimension bekäme. Die Romantik hat den frischen Geist der Renaissance vernebelt, hat den Mythos vom stetigen Aufstieg der Menschheit aufpoliert (er geistert als Wachstumsmythos noch immer durch neuzeitliche Hirne). Da passte es nicht ins Konzept, dass es vormals auch viel munterere Geister gab. Die Renaissance dagegen war offen für längst Dagewesenes. Mit dem Kleister der Romantik im Kopf musste eine spätere Rückbesinnung auf Dagewesenes vergleichsweise zu einem Brei geraten, der Klassizis-mus war geboren. Doch genug der bauchgebornen Breitseiten. All dies und Fahrraderfindung hin oder her, allemal kann man den Hut ziehn vor den Leonardos aller Zeiten, und dem Kopf schadet diese frische Luft auch nicht.

Leonardos Fahrrad ist mir ein Symbol:

Gedanke neu, oder schon mal dagewesen – entscheidend sind die Wirkungen.

Die Wahrheit verschwindet hinter der Lasur des gern Geglaubten.

11. August 2010, 21:13