Leonardos Fahrrad? jörns notizen

12.
August
2010

Netzneutralität

Der Begriff “Netzneutralität” schwappt gerade mal wieder durch das Netz. Doch das hat eine Vorgeschichte.

Irgendwann im März reichte es nur für ein kurzes Kopfschütteln, als ich via ZEIT die neuen Abzock-Träumereien des Herrn Obermann im Manager-Magazin bemerkte. Da konnte konnte vor drei Wochen jene kleine Meldung bei Heise mich nicht mehr vom Hocker reißen; Herr Obermann hatte schließlich nur nachgelegt, so dachte ich bei mir. Okay, es brodelte ein wenig, und die Telekom gab sich alle Mühe, erklärend von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen zu torkeln. Datenaufkommen verursachende Großkunden abzocken zu wollen, die natürlich längst für dieses Datenaufkommen bezahlen (kurz und bündig hier erklärt), ist Unfug. Aber Schwamm drüber! Die Telekom träumte halt, was von dem Kuchen der Phantasievolleren abzubekommen. So what?

Wach wurde ich, als mir die ersten Meldungen von Google und Verizon vor meine Augen tickerten.

Google bin ich immer noch geneigt in Schutz zu nehmen, warum eigentlich? Weil sie so sympathisch gestartet sind; als in alten Zeiten andre Suchmaschinen erstmal träge und gefühlt-minutenlang ihre Werbeflächen füllten, war ich mit Google längst am Ziel – weniger ist mehr. Und ich mag, dass Google innovativ ist und immer ein bisschen verrückt: GoogleEarth, GoogleBooks, Android, … Aber diese Ära ist wohl bald vorbei. Es wird Zeit einzusehen, dass Google kraft Geldes demokratischen Bewegungen im Netz nicht länger folgen wird. Google kritischer zu sehen heißt ja gottlob nicht, in den selben Zug wie Ilse Aigner einzusteigen.

Ich hatte im März wohl nicht bedacht, dass unter jenen, die Herr Obermann so gerne mal zur Kasse bitten würde, durchaus ein Interesse bestehen könnte, sich an solchen Kassen ein Ticket 1. Klasse zu erwerben. Um aus viel Geld noch schneller noch viel mehr Geld generieren zu können. Das kann man recht übersichtlich von Kai Biermann in der Zeit nachlesen, der zum Schluss notiert, was auf dem Spiel steht: Bislang erschien das Internet immer wie eben dieses auf Gleichheit basierende Utopia [des Thomas Morus].

Ich erinnere mich an den Aufschrei in den Urzeiten des Internet, als Websites plötzlich voller Bilder waren (bei den schlecht komprimierten schrie ich mit). Noch lauter ward geschrien, als stolz die ersten mit Voice-over-IP experimentierten. Verschwendung des Datenvolumens sei das! Wenn neue, datenintensivere Nutzungsvarianten das Internet an seine technischen Grenzen brachten, dann war das stets zuerst diesen neuen Nutzungsvarianten abzuspüren. Sie liefen eben so holperig, dass sie als nette Idee durchgingen, aber nicht wirklich nutzbar waren. Heute haben wir im allgemeinen Flatrates, aber bezahlen wir damit unbegrenzten Datenverkehr? Natürlich nicht. Der DSL-Zugang ist so schnell, wie er eben ist, und dies zumeist im Down- und Upstream schmerzhaft unterschiedlich. Da kommt nicht beliebig viel hindurch. Wer viele Daten im Internet verfügbar machen will, sucht sich darum einen Platz näher an den dicken Leitungen, registriert zum Beispiel eine Domain und bucht Webspace bei einem Provider – zunehmend mit Datenflatrate. Aber von dort entstehen ebenfalls keine enthemmten Kosten – natürlich ist auch hier der Durchsatz gedeckelt. Wenn eine solche Webdomain plötzlich massives öffentliches Interesse erntet, ist sie schnell kaum noch erreichbar. Dann kann man etwas mehr bezahlen, und schon geht es schneller. Vielleicht hilft dabei auch ein kleiner Werbehinweis auf den Webprovider – das ist Verhandlungssache. Oder man sitzt die Sache mit der mangelhaften Erreichbarkeit einfach aus – das Interesse sinkt darüber, und dann hat man wieder Ruhe. Oder, wenn es so gut läuft wie bei Google (und man etwas daran verdient), dann baut man eben weltweit Rechenzentren und legt sich dicke Backbones zu.

Man könnte leichtfertig meinen, dass es doch ein natürlicher nächster Schritt wäre, nun kraft Geldes bevorzugten Transport hinzuzukaufen. Die Telekom argumentiert mit dem Vergleich zum Eilbrief. Doch der Vergleich stinkt. Es ist zu befürchten, dass unsre Datenautobahnen verstopft sein werden mit Ersteklasse-Dumpfpaketen. Es ist noch viel mehr zu befürchten, dass die Mechanismen zur Unterscheidung der neuen Klassen-Kasten weidlich die Netzneutralität des Fundaments berauben. Und die natürliche Monopolstellung der Netzanbieter lässt wenig hoffen, dass es dann Alternativen geben wird. Darum finde ich wichtig, dass man sich bewegt und wehrt und deutlich zeigt, wo man das Internet der Zukunft sehen möchte:

INITIATIVE PRO NETZNEUTRALITÄT!
INITIATIVE PRO NETZNEUTRALITÄT!

12. August 2010, 20:32