Leonardos Fahrrad? jörns notizen

11.
November
2010

Gratwanderung

Der geliebte Grat… bin vor kurzem darüber gestolpert, dass ich für das Wort Gratwanderung im Englischen gar keine Entsprechung finden konnte. Balancing act und tightrope walk sind freilich in der Nähe, aber an die Assoziationsdichte von Gratwanderung reichen sie eben nicht heran, das Drahtseil ist eher unter einer Zirkuskuppel als in Gipfelnähe, und unter seiner dünnen Rundung ist nichts, woran sich Auge oder Fuss noch halten könnten. Ich muss auf meinem Grat zudem nicht ständig balancieren. Der Gratweg spannt sich mir zwischen den Gipfeln, und mag manch Grat beschwerlich sein und wenig gangbar, so bleibt doch stets die Möglichkeit, zugunsten einer Seite sich für eine Weile aus dem Gipfelwind zu nehmen, schlimmstenfalls seilt man sich ab. Seilt man sich von dem tightrope ab, dann gibt es keine Seiten mehr, auch das ein schönes Bild; manchmal erwisch ich mich dabei, mühevoll zwischen zwei Seiten auszubalancieren und merke viel zu spät, dass es die Seiten gar nicht gibt und ich nur zu sehr in die Luft gegangen bin. Aber tightrope walk bleibt Drahtseilakt, und eine Gratwanderung ist etwas anderes.

Die Wörter Grat und Gräte sind verwandt, auch mit der Granne, und so in Bezug auf die Bedeutung Spitze eher nicht etwas solitäres (wenngleich in anderen Sprachen die gemeinsamen Urwörter in Pfeil und Speer aufgegangen sind). Der Grat, die kleine Gipfelkette zwischen den Bergen. “Übern Berg sein” stammt wohl nicht aus Gebirgslandschaften, setzt diese Wendung doch einen Berg voraus, der eher sich als große Bodenwelle eines Weges oder einer Straße zeigt, auf dessen anderer Seite man dann nicht mehr mit dem Anstieg kämpfen muss. Im Gebirge ist dagegen das “auf dem Gipfel sein”, “den Gipfel erreicht haben” das Ziel. Der Grat befindet sich für mein Gefühl zwischen den Gipfeln, wenn er nicht gleich eine ganze Gipfelkette einschließt. Und so ist der Grat zugleich auch Stelle des Passierens, viele Pässe führen auf ihrem letzten Stück über eine niedrigere Stelle eines Grates zwischen zwei Gipfeln. Zwei gegensätzliche Aspekte rechts und links des Grates, die man zugleich im Auge hat, solange man den Gratweg geht. Zwischen denen man aber auch wechseln kann, den Gratweg querend. Das Drahtseil lässt dagegen keinen Abweg zu. Ob ridge walk sich dem Muttersprachler ebenso erschließt, obgleich im Wörterbuch figürliche Verwendung nicht als Option vermerkt ist?

Spannend finde ich, dass sich gratwandernde Spanier eher auf dem Schlappseil (cuerda floja) bewegen, und sie befinden sich dabei (estar), während die Franzosen das straffe Seil (corde raide) bevorzugen und dort eher mit etwas dienstlicher Strenge üben (exercise). Für die gratwandernden Italiener ist es eine zweideutige (gar scheinheilige?) Situation (situazione molto ambigua), eigenartiger Weise nicht zwiespältig-ambivalent (ambivalente), aber das könnte am Wörterbuch liegen. Die Polen befinden sich gratwandernd na krawędzi, an der Kante, an der Grenze, die der Abgrund ist. Ich wiederhol mich: Spannend! Liebe Muttersprachler, lasst mich von Euren Gratweg-Möglichkeiten und Euren Gratweg-Sprachgefühlen wissen, ich freue mich über jede solche Nachricht, auch per Mail.

11. November 2010, 08:37