Leonardos Fahrrad? jörns notizen

27.
März
2011

Atomlobby, auf nach Fukushima!

Soll keiner sagen, er hätte nichts gewusst. Nach Tschernobyl. Aber sie setzen trotzdem Unschuldmiene auf. Wahrscheinlich, weil Atomkraft so reich macht (Mit jedem abgeschriebenen AKW lässt sich etwa eine Million Euro pro Tag verdienen.) Natürlich wird nicht jeder davon reich, schon gar nicht die Gesellschaft, die sich um den übrigbleibenden Dreck alleine kümmern darf.

Hielt mir doch gestern so ein Atomkraft-Befürworter vor, es gebe da eine Studie, unter anderem von der WHO getragen, laut der in Tschernobyl in Wahrheit nur 50 Arbeiter durch Verstrahlung gestorben sind. Es wäre ja alles nicht so schlimm, wie immer behauptet würde. Da hält man erstmal die Luft an. Und recherchiert. Und findet diesen Artikel in der New York Times. Da liest man von eben jenem Report, von diesen 50 Arbeitern und davon, dass die ersten Befürchtungen nach Tschernobyl in der zunächst vorhergesagten Dimension zum Glück nie eingetroffen sind. Und man liest von insgesamt 4.000 Menschen, die allen Anzeichen nach infolge des Unglücks zu Tode kamen, und von über 90.000 Menschen, die 2001 allein in der Ukraine als durch dieses Unglück behindert gezählt wurden, und dass Ukraine und Weißrussland jährlich 5 Prozent Ihres Jahreshaushalts für die Unterstützung der Tschernobyl-Opfer ausgeben… Aber auch das sind für den eingangs genannten Atomkraft-Befürworter wohl ebenfalls nur Peanuts.

Es wird in diesen Tagen von vielen Atomkraftbefürwortern von Senkung des Restrisikos gesprochen. Unabhängig davon, wie blauäugig oder bestochen-optimistisch (siehe die Tsunami-Prognosen für Fukushima) diesem Restrisiko entgegengesteuert wird, eines haben alle diese Reden vom geringen Restrisiko gemeinsam: dass offenbar nicht und nie mit dem Ernstfall kalkuliert wurde. Es gibt keine entwickelten Konzepte, keine bereitstehenden Technologien zum Umgang mit solch einem Desaster. Das ist durchaus ein typisches Phänomen: dass über der Arbeit zur Fehlervermeidung der Umgang mit dem worst case vergessen wird. Jeder Programmierer kennt das. Aber den Kernkraft-Sicherheitstechnikern hätte das nicht passieren dürfen. Und es ist ihnen passiert. Denn wenn Kernkraftwerksbetreiber Mittel für den worst case bereithielten, hätten sie diese doch wohl längst in Japan zum Einsatz gebracht, um Vertrauen zu retten, wo es noch zu retten ist.

Es gibt Möglichkeiten, jetzt aktiv zu werden. Und man muss dafür nicht einmal den Schreibtisch verlassen. Neben vielbeachteten Unterschriftenlisten gibt es auch ein Instrument unserer eigenen Demokratie, das viel stärker Beachtung finden sollte:

Wir alle können auch abseits jeder Wahl per Petition unserem Bundestag deutlich machen, wohin die Reise gehen soll, zum
Beispiel durch Mitzeichnung dieser Petition.

P.S. Ja, ich plädiere dafür, dass jeder, der sich jetzt noch für Atomkraft stark macht, zugleich öffentlich dazu verpflichtet, bei einem Reaktor-Unglück vor Ort zur Verfügung zu stehen. Und um ein Zeichen zu setzen, sollten Atomkraftbefürworter sich wenn irgend möglich mit ihrer Familie direkt neben dem nächsten Atomkraftwerk ansiedeln. Vielleicht trüge das zu mehr Ehrlichkeit bei.

27. März 2011, 14:53