Leonardos Fahrrad? jörns notizen

20.
Juli
2011

Der Dritte Weg

Wörter sind kleine Schachteln vermeintlichen Inhalts. Man stapelt sie übereinander und meint die Bedeutungen zu summieren, die vorn auf diesen Miniaturschubladen säuberlich in Sütterlin geschrieben stehen. Zuweilen spielt man ein wenig mit den Assoziationswolken, die erster Schachtel-Augenschein nur ahnen lässt.

So geschieht es manchmal, dass ich solch eine Wort-Schachtel in Gedanken halte, und unvermittelt flammt es daraus hervor, als hielte ich Aladins Lampe in der Hand, und Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los. Da hilft nur noch ein leeres Blatt Papier. Seis drum.

Jüngst stand auf solcher Schachtel schlicht ‘trivial’, doch plötzlich schwanten mir ‘drei Wege’, und ja, es ist einer dieser Gemeinplätze alten Sinns, die an Weggabelungen entstehen, an denen man ob der Wegscheide verweilt und ins Sinnieren kommt. Solch ein Ort, an dem drei Wege sich begegnen, darf als allgemein zugänglich vermutet werden. Via lat. ‘trivialis’ von lat. ‘trivium’ – ‘öffentliche Straße, Wegkreuzung’.

Vielleicht ist das Schlichte an ‘trivial’ ein bisschen beeinflusst vom Trivium der sieben freien Künste, das die Sprachkünste Grammatik, Rhetorik und Dialektik umfasste und an den Universitäten des Mittelalters vor den mathematischen Künsten des Quadriviums Arithmetik, Geometrie, Musik(!) und Astronomie absolviert werden musste – erst nach dem trivialen Part (‘trivial’ ist eben hochgradig relativ) war der Weg zu den andren Künsten frei. Sollte in den heutigen Schulen vielleicht wieder stärker bedacht werden; ohne ausreichende Sprachkompetenzen wird ein Schüler spätestens an den üblicherweise verquer (um nicht zu sagen: sehr unmathematisch) formulierten Textaufgaben brachial scheitern – und Lust auf Mathe rückt in weite Ferne. Die Schulung sprachanalytischer Fertigkeiten gehört in den Sprachunterricht.

Aber zurück zu ‘Allgemeinplatz’ – den Wörtern ‘trivial’, ‘gemein’, ‘banal’ ist die Urbedeutung gemein, etwas in Besitz der Gemeinschaft Befindliches, etwas allgemein Verfügbares zu bezeichnen – und ebenso gemein ist ihnen der Abstieg in das Plumpe, bis zur Niedertracht. Darin stehen sie dem Vulgären in nichts nach; ‘vulgär’ via lat. ‘vulgaris’ von lat. ‘vulgus’ – ‘Volk(smenge)’. Das ist so schön einfach: Hier schnöde Massen, dort ‘Eliten’, die ‘Auserwählten’. Aber, bitteschön, auserwählt doch nicht von Gottes Gnaden; so liebte es der Adel sich zu sehen. Wahre Eliten verdienen sich diesen Status. Wahre Eliten schöpfen aus der Vielfalt der Massen. Wer sich über diese Vielfalt erheben zu müssen glaubt, ist nicht elitär, bloß einfältig.

‘Trivium’, der Ort, an dem sich drei Wege begegnen. Wo zwei Wege sich begegnen, ist keine Kreuzung, es ist ein Ort wie jeder andere am Rande eines Weges. Mit dreien wird es zum ersten Mal unmissverständlich eine Kreuzung, mehr bedarf es dazu nicht (zumal jeder weitere Weg die Wahrscheinlichkeit steigert, dass es sich statt des Orts einer einfachen Kreuzung um Rom handelt). So dachte ich auf meine Frage, warum die Römer für den Begriff der Kreuzung ausgerechnet drei Wege auserkoren, und ich führe das an, weil so die Assoziation des ‘Dritten Wegs’ zu mir gelangte.

Nun ist der ‘Dritte Weg’ ja ein vielbeschworener, und oftmals nur grauer ‘Kompromist’ der faden Mitte zwischen Schwarz und Weiß. Oder, wie Kurt Tucholsky notierte: Alles ist richtig, auch das Gegenteil. Nur: »Zwar … aber« – das ist nie richtig. (Schnipsel, 1930) Besonders, wenn in Politik und Wirtschaft vom ‘Dritten Weg’ die Rede ist, sollte man seinen Optimismus nur mit großer Vorsicht ausgraben. Es ist selten ein Königsweg, eine besonders geniale, unvorhergesehen einfache Lösung (als ob Könige gemeinhin durch solche Lösungen aufgefallen wären).

Dennoch, dass es einen Dritten Weg gibt, es bleibt meine Lieblingshoffnung; die Lösung ist immer einfacher und liegt näher, als man denkt, und das wahre Problem liegt selten da, wo man zuerst zu suchen geneigt ist. Und es muss doch möglich sein, den in Wahrheit einen Weg von Schwarz nach Weiß und umgekehrt irgendwann zu fliehen. Es muss den Dritten Weg geben, auch wenn das verdächtig nach “überholen ohne einzuholen” klingen mag. Zwischen Diktat der Marktwirtschaft und dem des Staates. Zwischen Bedürfnisbefriedingung und Bewahrung der Schöpfung. Im Konflikt zwischen Gemeinschaft und Individuum. Ausgewogenheit ist hier das falsche Stichwort, Ausgewogenheit ist eine Notlösung. Wenn man aufhört zu suchen, wird es einen Dritten Weg nie geben. Man braucht Ideen, die wirklich neu sind. Und dafür hat man am besten ein offenes Ohr für vermeintlich dumme Fragen aus der sogenannten Masse. Der derzeitige Niedergang selbsternannter Führungseliten in Politik und Wirtschaft hat genau damit zu tun, dass sie mit ihren zuweilen vergoldeten Scheuklappen nur noch “vorwärts”, “nach oben” und “mehr” denken können und die richtigen, dummen Fragen von allen Seiten um sie herum, die Stimme des ‘gemeinen Volkes’ nie wirklich hören wollten.

Soviel zu meinen trivial-abwegigen Assoziationen der vergangnen Nacht beim Versuch einzuschlafen – der natürlich fehlschlagen musste.

20. Juli 2011, 21:21