Leonardos Fahrrad? jörns notizen

30.
Oktober
2011

Amputationen

In frühen Zeiten des “Homecomputers” begann ich Briefe mit einem Textprogramm zu verfassen. Nicht die Amtsbriefe, die ohnehin, sondern eben auch Briefe an Freunde und Bekannte. Man konnte Bilder integrieren (graustufig und ziemlich pixelig). Man konnte schreckliche Gestaltungsexperimente mit noch schrecklicheren Schriftarten veranstalten. Und ich hatte das Gefühl, auf diese Weise meine Gedanken besser sichten und vollständiger notieren zu können. Das traf in gewissem Maße durchaus zu.

Aber irgendwann wurde ich einer Amputation gewahr, nämlich dass ich keinem roten Faden mehr zu folgen verstand; ich beobachtete mich beim Hin- und Herschieben von Absätzen, die Texte wuchsen in wilden Gedankensprüngen zu wahrscheinlich ebenso chaotischem Gestrüpp. Ich hatte jegliche Filter abgelegt; ließen sich doch alle Einfälle nach und nach in epischer Breite einsortieren. Und griff ich mal zum Federhalter, dann führte jede versehentlich betretene Sackgasse meiner Schilderungen zum Neustart meines Schreibens – ich konnte erkannte Schwächen oder Fehler nicht mehr ertragen; der Federhalter ließ die Lösch-Taste vermissen. Mir wurde Angst.

Bald hatte ich wieder einen Lieblingsfederhalter, musste regelmäßig Tinte nachkaufen und füllte Blatt um Blatt und Heft um Heft.

Dann kam das Internet. E-Mail, Website, Blog verführten mich erneut zum Tippen. Aber das Bewusstsein um die Schattenseiten blieb, und die Liebe zu frischer Tinte auf weißem Papier und die wohltuende Vertrautheit des leisen Kratzgeräusches der Feder blieben gegenwärtig.

Doch wenn ich mal nach einer bestimmten Notiz suchte, schemenhaft mir ein Gedanke in Erinnerung war, den ich gerne weitergeführt hätte, dann fiel die Suche schwer in all dem Tinten-Geschreibsel. Der Griff zu Google, zu modernen Suchprogrammen verwöhnt mit der Verheißung, buchstäblich alles in Sekundenschnelle auffinden zu können. Sofern es irgendwo digital erfasst ist. Und man ein Gefühl für solches Suchen hat.

Mein alter Mathelehrer ließ uns ein Merkheft führen, in dem wir bei Arbeiten alle Grundlagen und Regeln nachschlagen durften. Hauptsache, gewusst wo. Und wie anzuwenden… denn der Unterschied zwischen kennen und können, den er geradezu predigte, erwies sich in den Mathearbeiten als ziemlich entscheidend.

Ich denke sehr intensiv über ein universelles, “digitales” System für Notizen nach, mit dem sich jegliche Gedankenfäden und Geistesblitze sowie Anregungen abbilden und ideal archivieren und verwalten lassen. Es existieren viele Ansätze, keiner ist für mich überzeugend – vielleicht gibt es keine universelle Lösung. Zu diesem Thema wahrscheinlich später mehr.

Aber zugleich erschreckt mich die Beobachtung einer erneuten Amputation: Ich erwische mich bei der zunehmenden Neigung, das Gedachte oder Gefundene eher digital zu archivieren denn in meinem Kopf. Und ich spüre, dass mich dieser Trend in meinen Möglichkeiten beschneidet. Nichts geht über Wissen, das man im eigenen Kopf parat hat. Gäbe es einen Verbindungs-Mann-im-Ohr zu Google&Co. – würde der das Problem lösen? Wenn jede gedachte Frage sofort aufgelöst würde? Abgesehen davon, dass eine solche Lösung technisch in der Ferne liegt, wenn auch vielleicht nicht in weiter Ferne, wäre sie nicht an das Wort gebunden? Würde sie denn gleichziehen können mit dem noch immer weitgehend unverstandenen Funktionieren unseres Hirns? Ich bezweifele das. Ich meine an mir zu beobachten, dass sich viele Ideen “vorsprachlich” entwickeln. Dass sie auf schwer zugängliche Weise über dem Raum in meinem Hirn gespeicherten Wissens entstehen.

Dieses Gefühl tut meiner Suche nach optimaler Erfassung von Gedankenschnipseln keinen Abbruch. Aber ich bin sensibilisiert dafür, mir wieder mehr Informationen zu merken. Es fühlt sich an wie mein erneuter Griff zum Federhalter, vor vielen Jahren…

30. Oktober 2011, 11:11