Leonardos Fahrrad? jörns notizen

06.
November
2011

Tempus

Das Perfecto bezeichnet Geschehen in einem noch nicht abgeschlossenen Zeitraum oder aber abgeschlossene Hand­lungen, die gerade erst passierten oder deren Ergebnis für die Gegenwart von Wichtigkeit ist und die deshalb besonders herausgestellt werden sollen.

Alles klar? Für die nächste Tempusform hören sich typische Kategorisierungen nicht besser an, dafür gibts dann Beispiele, bei denen man die Fragezeichen im Kopf gleich wiederverwenden kann.

Bei der Lektüre der Tempus-Kapitel diverser Grammatiken (insbesondere romanischer Sprachen) bin ich regelmäßig verzweifelt und dann schnell zur fehlerträchtigen Verwendung nach Bauchgefühl zurückgekehrt.

Und nun bin ich mittendrin in der Lektüre von

Harald Weinrich:
Tempus
Besprochene und erzählte Welt

Und es ist eine Offenbarung. Plötzlich scheint alles so einfach und klar.

Harald Weinrich eröffnet eine Grammatik, die den Text im Blick behält, anstatt einzelne Sätze atomisieren zu wollen – seine Textgrammatik lässt das Zustandekommen klassischer Erklärungen zu den Zeit-Formen der Verben wie auch das Wirrwar und die innere Widersprüchlichkeit dieser Erklärungsversuche verständlich erscheinen, verständlich als das Resultat beschränkter Sicht.

Harald Weinrich macht plausibel, dass die Tempora der Verben nicht einer Zeitfestlegung dienen, sondern vielmehr in den Text eingebettete Zeichen sind, an denen wir die Beziehung zwischen Sprecher und uns erkennen.

So unterscheidet Weinrich zwischen den Tempora der “besprochenen” und denen der “erzählten Welt”. Wird uns gerade etwas erzählt (Es war einmal…), so erkennen wir das wesentlich an den verwendeten Tempora und können wir uns entspannt zurücklehnen und ein Bild entstehen lassen. Wird uns aber etwas zur Diskussion gestellt, so können wir uns auf zu besprechenden Inhalt bereits einrichten, wenn wir nur die ersten Tempora vernommen haben (Da komme ich nach Hause…). Über einige Zeitformen (z.B. Passato remoto) liest man zuweilen, dass sie eher der Schriftsprache vorbehalten seien – das wird nun plausibel, da die Schriftsprache insbesondere Erzählungen eine Heimat, der alltäglich-mündliche Umgang dagegen eher besprechender Natur ist.

Und für die Verwendung der Tempora Imparfait/Passé simple, Imperfetto/Passato remoto, Imperfecto/Perfecto simple, die sich mit unseren deutschen Tempora nicht auf direktem Wege nachstellen lässt, erklärt Weinrich deren Funktion als eine der Reliefgebung zwischen Vorder- und Hintergrund des Erzählten – eine Funktion, die wir ebenso gebrauchen, aber auf andere Weise konstruieren müssen. In neueren Grammatiken habe ich übrigens erst nach der Lektüre Weinrichs zaghafte Hinweise auf die Hintergrund-Funktion von Imparfait/Imperfetto/Imperfecto wahrgenommen. Aber das ist ein Tröpflein auf den heißen Stein, und mir bleibt rätselhaft, warum Weinrichs bereits 1964(!) erstmals publizierte Sicht bei der Vermittlung von Sprachen praktisch keine Rolle zu spielen scheint.

Die Funktion der Reliefgebung macht mir zudem endlich solche regionalen Unterschiede begreiflich, wie z.B. die eher auf Süd- und Mittelitalien beschränkte Verwendung des Passato remoto, und warum in verschiedenen Literaturepochen Unterschiede im Gebrauch der Tempora festzustellen sind – nicht eine abweichende Empfindung ihrer Zeitfunktion macht diese Unterschiede aus, sondern es ist eine Frage des Stils, eine gestalterische Entscheidung oder Gewohnheit.

Obendrein liest sich Harald Weinrich überaus angenehm; er verwendet eine klare Sprache, ohne den Text in Fachvokabular zu ersticken, er schreibt mit leichter, heiterer Feder und findet sehr eingängige Bilder. Die vielen eingestreuten Text-Beispiele bleiben ohne Übersetzung, eine direkte Übertragung der gerade diskutierten Tempora wäre ja in vielen Fällen ohnehin nicht möglich, aber ich fühlte mich dadurch am Lesegenuss nicht gehindert, eher rauschhaft animiert, die fehlenden Sprach­kenntnisse endlich abzubauen…

Kurz: sehr empfohlen, die Lektüre von Harald Weinrichs Buch zur Funktion der Tempora: Tempus.

6. November 2011, 11:15