Leonardos Fahrrad? jörns notizen

29.
Februar
2012

Patent - der verkannte Patient

Das Patentsystem ist krank. Und wer es heilen will, sollte das Problem nicht vorschnell auf die so offensichtlich problematischen Softwarepatente reduzieren. Der zwischen den Smartphone-Herstellern tobende Patentkrieg scheint aber als Augenöffner noch nicht zu genügen, und auch die Folgekosten des täglichen Durchwinkens weltweit hunderter Patente haben nicht zu nennenswerten Bewegungen im Patentrecht geführt. Es ist ja auch nur die Allgemeinheit, die diesen Aufwand permanenter Blockaden, die unsinnigen Gerichtskosten und aus Gierde überzogene Lizenzgebühren letztlich zu tragen hat.

Jüngst hat auch Google nachgelegt: Kontinuierliche Gesten wollen sie patentieren lassen. Man wische ein bedeutungsträchtiges Symbol und kreise vor- oder nachher einen zu behandelnden Bereich ein – Löschen, Kopieren, Notiz anheften, was auch immer. Nette Idee, aber ein Patent wert? Sie werden wohl eines erteilt bekommen, alles andere wäre gegen den Trend. Doch wo bleibt die Schöpfungshöhe bei Ideen, die jeder halbwegs denk- und analysefähige Mensch in ein paar ruhigen Minuten entwickeln kann? Ideen, die unausweichbar in der Luft liegen?

Ich liege wach, und die Gedanken kreisen um die Vorstellung einer Gruselwelt voll patentumschiffender Konstruktionen. Vielleicht gibt es nur einen Ausweg – all derart “Ideen” öffentlich zu benennen, damit sie weg sind vom Esstisch der kreativitätsfernen Patentverwalterseelen.

Seis drum, nach fünf Minuten an-die-Decke-starren (falls wir Glück haben, ist das eine oder andere noch nicht patentiert):

  • Wegwisch-Geste – mit größerer Auflagefläche (Handkante oder Handballen), alternativ durch schnelle Zickzack-Bewegung wird “weggewischt”, wie an einer guten, alten Tafelkreidetafel.
  • Trommelgeste – mit einem oder mehreren Fingern einen Rhythmus aufs Display zu trommeln könnte zum Entperren des Displays führen – zugegeben, sehr niedrigschwellige Absicherung. Ebenso denkbar als Schnellzugriff auf ausgewählte Funktionen. Der bereits gewohnte Einfach- und Doppel-Tip bzw. -Klick wäre nur ein winziges Element dieses Ausdrucksraumes.
  • Gebärdengeste – aus den wunderbaren Gebärden der Gehörlosen ließe sich vielleicht ein Pool von Gesten entwickeln, die einerseits für den Touchscreen geeignet sind und andererseits der echten Gebärdensprache nahe genug, um von dieser ausgehend leicht erlernbar zu sein.
  • Textmarkierung (optional automatisch wortweise) durch lineares Darüberstreichen. Jedes weitere Darüberstreichen markiert eine weitere Wortsequenz, sobald Markierungen existieren, könnten in diesem Kontext (in Form von Buttons) anzuwendende Aktionen angeboten werden.
  • Daumen der haltenden Hand auf eine Seite des Tablett-Computers, mit den Fingern der anderen Hand wie gewohnt via Wisch-Geste Blättern – anschließendes Wippen des Tablett-Computers blättert zurück zur mit dem Daumen “fixierten” Seite.
  • Gruppierte Fingerkuppen mit besonderer Bedeutung versehen – bspw. würde ein ein Finger auf ein Objekt zeigen, um (wie schon üblich) ein kontextbezogenes Aktionsangebot zu bekommen, aber zwei Finger lieferten Hilfe, drei Fingerkuppen könnten das Objekt in die Zwischenablage kopieren.
  • Einfügen/Kopieren-Geste: Ein Finger zeigt auf ein Objekt bzw. eine Stelle, der Daumen bewegt sich auf diesen Finger zu (Einfügen aus der Zwischenablage) oder von diesem Finger weg (Kopieren in die Zwischenablage).

usw. usf.

29. Februar 2012, 07:01