Leonardos Fahrrad? jörns notizen

08.
Juli
2013

Frust-Ration

Im Dezember 1989 befand ich mich plötzlich in einer sehr schrägen Situation, als einer der vielen Besetzer von Dresdens Stasi-(resp. Nasi-)Zentrale. Die Nachricht von der Besetzung durch Dresdner Bürger hatte sich angesichts der ohnehin explosiven Lage wie ein Lauffeuer verbreitet. Im Gelände der Stasi-Zentrale war es noch notdürftig überschaubar, freilich Freund und Feind nicht wirklich zu trennen, draußen brodelte der Volkszorn, auch dort Freund und Feind schwer zu scheiden – nur eines schien klar: bei einer unkontrollierten Stürmung würden die Stasi-Mitarbeiter Gelegenheit haben, noch mehr Akten verschwinden zu lassen.

So standen viele Bürger drinnen am Tor und versuchten, die Bürger draußen von einer Stürmung abzuhalten und dazu anzuhalten, sich tags und nachts geordnet an den Wachen im Gelände zu beteiligen.

In dieser eben schrägen Situation, ein verhasstes Gelände vor überkochendem Ärger Gleichgesinnter zu schützen, sah ich dort am Tor mich einem Menschen gegenüber, der wutschnaubend schrie, man habe ihn vierzig Jahre lang betrogen.

Ja, bitte, wie blind können Menschen sein? Das erstaunt mich immer wieder. Und es frustriert mich stets aufs Neue.

Warum bedurfte es des großen, persönlichen Opfers eines Snowden, um die wahren Schattenseiten des Internet ins öffentliche Bewusstsein zu rücken? Okay, nennen wir es Aufmerksamkeit. Für die Diagnose von öffentlichem Bewusstsein ist es noch zu früh.

8. Juli 2013, 22:02