Leonardos Fahrrad? jörns notizen

21.
Juli
2013

Uffgepiepelt

Sie sitzt im Rollstuhl, ein friedvolles Lächeln im Gesicht, und wirkt ein wenig abwesend, entrückt in ihre eigene Welt bruchstückhafter Erinnerung. Ihr Begleiter steht daneben, sagt erklärend zur Schwester “Radiusfraktur, der linke Unterarm, aber heute morgen war der Gips ab” und zeigt die Reste einer Gipshülle, längs geöffnet, die Polsterung in Fetzen herausragend wie aus einem geplatzten Kissen. Dann wendet er sich ratlos an die kleine, alte Dame im Rollstuhl und fragt in warmherzig-besorgtem Ton: “Was hast Du da nur wieder gemacht, hm?” Und sie, in einem hellen Moment der Erinnerung, ganz leise, aber beinahe mit einem Hauch Stolz in der Stimme: “Habsch mir uffgepiepelt. Hat gedrückt.”

Das habe ich mir nicht getraut, mit meinem eignen Gipsarm, obgleich der mir im direkten Sinn des Wortes stinkt, und drückt, und kratzt und juckt, glücklicherweise gibt es langstielige Löffel. Auch wage ich nicht, erneut um einen Gipswechsel zu bitten; zu angefressen reagierten sie hier beim letzten Mal. Zumal mir an jenem Morgen ein Malheur beim Duschen passiert war, der Müllsack überm Gipsarm nicht ganz dicht, der Gips teils feucht geworden. Der Arzt, zusätzlich verärgert, meinte nur, für mich sei, bitteschön, Duschen tabu und komme nur der Waschlappen infrage, und ich solle darauf achten, dass der Gips keinesfalls feucht werde. Schon klar. Dass an den heißen Tagen zuvor mein Gips regelmäßig klatschnassgeschwitzt gewesen sein könnte, kam ihm gar nicht in den Sinn.

Manche Ärzte scheinen nur darauf gerichtet, den Defekt zu korrigieren, das Individuum am Defekt stört dabei eher. Dass das Befinden des Patienten auch einen Einfluss auf den Heilungserfolg haben könnte, stellen sie vermutlich in die Esoterik-Ecke, und notfalls kann man ja pharmafreundlich medikamentieren.

Es geht auch anders; in der Gipserei des Krankenhauses hieß es noch eindringlich, ich dürfe gerne vorbeikommen, wenn der Gips zu locker oder zu eng oder sonstwie unangenehm werde. Leider galt das Angebot nur für meine Woche dort. Ebenfalls im Krankenhaus war man sogar behilflich, meinen Gipsarm duschfertig zu machen, mit übergestülptem und sorgfältig abgeklebtem Müllbeutel. Angesichts der Tütenfluten allerorten fragte ich mich dabei aber schon, warum es keine Beutel speziell für den Schutz verletzter Gliedmaßen zu geben schien. Wahrscheinlich wird so etwas von den Krankenhausausrüstern nicht angeboten – zu wenig Rendite?

Unser Gesundheitssystem mag eines der besten sein, weltweit. Dankbar bin ich allemal für sein weitgehendes Funktionieren und meine voranschreitende Heilung.

Aber solange wir die Effizienz unseres Gesundheitssystems an Rendite messen lassen und Pharma-und Medizintechnik-Vertreter hohe Preise ungestraft mit Entwicklungskosten begründen dürfen, obgleich ein Vielfaches dieser Kosten für Werbung und Lobbyarbeit ausgegeben wird, so lange werden wir kein Gesundheitssystem haben, das primär auf unser aller Wohlergehen ausgerichtet ist, das der Patienten, und das seiner Mitarbeiter…

21. Juli 2013, 11:24