Leonardos Fahrrad? jörns notizen

19.
Juni
2014

Steppenkassandra

In meiner frühen Jugend hab ich mich mal durch Christa Wolfs “Kassandra” gequält. Ich war noch nicht reif. Etwas später erging es mir nicht anders mit dem “Steppenwolf”. Warum Kassandra überhaupt ein Thema ist, begreife ich erst seit einigen Jahren. Irgendwann verflog bei mir die jugendliche Euphorie der Runden Tische; der Mensch scheint zum Lemming geboren. Und die Leitlemminge, die Protagonisten in Politik und Wirtschaft (wenn man denn diese beiden Bereiche überhaupt noch trennen kann), sind entweder strohdumm – oder korrupt. Leider halte ich Dummheit in diesen Kreisen für weniger verbreitet, als es mir alltägliches Erleben suggeriert.

Da werden Waffen und Munition en masse mitten in die Krisenherde dieser Welt geliefert, Öl ins Feuer für den Profit. Da bekommen Konzerne wie Monsanto freie Hand, selbst aus den Ärmsten mörderische Renditen herauszuquetschen, mit all ihren Patenten auf Mutter Natur. Überhaupt, Patente, seit Jahren wird von großen Konzernen, Patenttrollen und einer gewissenlos-gierigen Juristen-Armada das gute, alte Patentrecht pervertiert. Und niemand setzt sich an einen Runden Tisch, um dieses System neu zu bedenken und zu reformieren. Die Welt wird vollgepumpt mit Plastikresten, Elektronikschrott, mit Medikamenten und Nanopartikeln, und keinerlei wirkmächtige Diskussion setzt ein. Kein wissenschaftlich fundiertes Nachdenken über mögliche Folgen hat bislang irgendeine grundlegende Änderung bewirkt. Fukushima musste uns erst um die Ohren fliegen, um zumindest kosmetische Kursänderungen zu bewirken. Das Urheberrecht ist zu etwas mutiert, das mit dem eigentlichen Anliegen wenig zu tun hat. Die GEMA ist eher ein Popsülz-Booster und eine Verhinderungsanstalt für das Aufführen wirklich neuer Musik geworden, als dass sie noch eine Vertretung von Musikern wäre. Über die GEZ finanzieren wir alle unser Anästhetikum “Brot und Spiele”, nicht unwesentlich der tumbesten Sorte, anstatt die verfassungsrechtlich festgeschriebene freie Information und den kulturellen Erhalt. Dummschwätzer des Marketings erfinden beinahe täglich neue Schwachsinnsbegriffe, wie “Framework” oder “Cloud”, und wenn ihnen nix mehr einfällt, numerieren sie längst Vorhandenes durch: Web 2.0, Web 4.0, … aber sichere, wirklich funktionierende Systeme sind rar. Schrill und bunt vor gediegen und durchdacht. Naja, Analyse scheint ein Buch mit sieben Siegeln geworden, den meisten kommt dieses Wort wohl eh unanständig vor. Und für den Fall, dass das Verstehen doch noch einmal aufflammt, haben sich unsere Leitlemminge gut abgesichert: die Geheimdienste werden es richten – beziehungsweise uns.

Wie könnte man über alledem nicht zum Zyniker werden und resignieren? Irgendwie hat der Steppenwolf Haller seinen Weltschmerz besiegt… ich muss mal wieder nachlesen.

19. Juni 2014, 08:31