Leonardos Fahrrad? jörns notizen

26.
September
2006

Debatten,

Wortgefechte, sie toben, so will es mir scheinen, in letzter Zeit besonders oft und heftig. Handke, Grass, am Ende bleibt von solchen Diskussionen nur ein Haufen heißer Luft. Sie fallen mir zur Last, weil ich mich ihnen nicht entziehen kann. Weil ich mich dabei ertappe, wie ich selber debattiere und mich belese über Dinge, vor denen ich ganz andre Sachen lesen sollte, die für mich wirklich auf der Tagesordnung stehen. So wichtig es für unsre Wege sein mag, sich über ihren Grund und über Positionen zu verständigen, die Wege sollten über alledem doch noch beschritten werden. Anstatt an jeder Gabelung erneut zu diskutieren und zu feilschen. Am Ende treffen sich die Wege doch – weil unverhofft sie wieder zueinander führen, und manches Mal auch, weil die eine Strecke sich als Irrtum zeigte, und die sie begangen umgekehrt und nachgekommen sind.

Debatten lassen sich bewusst lancieren. Zum Beispiel, wenn ein Herr Grass sein Buch verkaufen will. Und wenn es denn so war, was solls? Es hat doch funktioniert, ob nun geplant oder passiert, für das Ergebnis ists egal. Bei der Debatte um das problematische Zitat des alten Kaisers, das Benedikt XVI. in seiner Rede so nackt und ohne Kommentar und Querverweis auf eigene Geschichte stehenließ, bin ich mir mittlerweile nicht mehr sicher, ob diese Rede nicht am Ende gut geplant gewesen ist. Da hält der Papst eine Vorlesung. Irgendwo, in Regensburg. Und bekommt sofort immense Bedeutung beigemessen von scheinbar allen Muslimen dieser Erde. Sie haben seine Rede bei weitem nicht alle gelesen, aber sie nehmen ihn wahr und wichtig. Als hätten sie nur darauf gewartet, derart verletzt zu werden. Und nun kann Benedikt die Wirkung seiner Worte öffentlich bedauern. Kann sich versöhnlich zeigen. Nicht länger der Unfehlbare, aber in der Sache dennoch nicht blindlings nachgiebig. Versöhnliche Worte ohne den Eklat zuvor, wer hätte sie gehört? Am eindrücklichsten nahm ich wahr, dass es Imame gab, die zu gewaltlosen Protesten riefen. Am Ende jede Seite in einem neuen Licht, und zumindest noch ist kein Krieg daraus geworden. Wenn Debatten solche Wirkung zeigen, kann ich an ihnen ja vielleicht doch noch etwas Gutes finden.

26. September 2006, 08:55