Leonardos Fahrrad? jörns notizen

05.
August
2006

Ich träume

eigentlich nur angenehme, schöne Träume – wenn es mir schlecht geht. Dem Umkehrschluss nach bin ich grade irgendwo im siebten Himmel. Zur Zeit träum ich Bedrückungen und Chaos. Verworrenes Zeugs, zu meinem Glück meist so verworren, dass ich zwar schweißgebadet hochschnelle, aber sofort lachen muss. Und diese Dinger kehren immer wieder.

Das würde ich für solche Träume gerne abstellen. Denn irgendwann fangen sie an, mich zu nerven. Geht aber nicht. Früher funktionierte sowas. Als Kind konnte ich auf Bestellung träumen, und in Fortsetzungen. Das klappte nicht jede Nacht, aber im allgemeinen schon. Mit den ersten feuchten Träumen ging mir diese Fähigkeit zu meiner damals großen Verzweiflung verloren. Damals hatte ich in jedem Traum die latente Gewißheit, es sei nur ein Traum. Auch das ist leider passè. Nur dies ist noch übrig: bin ich mir einmal bewußt, dass es ein Traum ist, dann werd ich wach, sobald ich’s will. Das verdanke ich einer Überlegung aus Kindertagen. Mir träumte es damals höllischen Alpdruck, und ich konnte zwar seine Wiederholung eindämmen und mir andere Träume wünschen, aber jede Nacht kam ein völlig neues Szenario des Schreckens dazu. Ich litt, obgleich ich wußte, dass ich träume. Ich konnte damals in meinen Träumen bereits auf Bestellung fliegen, nicht aber in Situationen des Grauens. Und da kam mir der rettende Gedanke: wenn ich doch tags und halbwegs wach mit offnen Augen diese schließen musste, um in den Schlaf zu finden, so müsste umgekehrt ich aus dem Reich des Traums mich retten können, indem ich dort desgleichen diese schloss. Darauf zu kommen, war nicht ganz leicht, denn da ich wußte, dass mir träumte, wusste ich ja auch, dass ich noch schlief, also meine Augen eigentlich geschlossen waren. Darum hatte ich zunächst Rettung darin gesucht, meine Augen weit und weiter aufzureißen. Doch so funktioniert es: nur im Traum die Augen zu, und ich bin wach.

In den letzten Wochen träumte ich recht widersinnig von Blackouts durch den Beleuchter. Meist aus dem Halbdunkel Cherubino höhnend – doch wenn das volle Licht mich trifft, geht mir der Text verloren. Ein beflissener Beleuchter läßt mir den Kegel seines Lichts auf jedem meiner Schritte folgen, vom Licht gejagt versuche ich, die Handlung nicht vollends zu zerstören, doch Flucht ist unabdingbar, sonst droht Blackout. Manchmal höre ich in diesem blöden Traum im Saal schon düsteres Rumoren… Letzte Nacht kam nun die Ablösung, aber ob sie auch erlösend sei, ist sehr, sehr fraglich. Weil ich über Goethe hergezogen bin, werde ich vor einem Tribunal dazu verurteilt, den Faust abzuschreiben. Wie so ein Pennäler, der hunderzwanzig Male schreiben soll: “Ich darf nicht…” Nur eben den Faust, den ganzen. Und dann sitze ich da, mit Federhalter, und schreibe den Faust ab, auf Klopapier. Noch jenes feste, graue, mit Zeitungsschnipseln drin, aus Zeiten, da West und Ost noch eine Mauer teilte. Ständig muss ich die Patronen wechseln, weil es sich schreibt wie auf einem Löschblatt. Und immer, wenn die Feder das Papier zerreißt, muss ich von vorn beginnen, mit einer neuen Rolle. Ich könnte mir um meinen Zustand ernsthaft sorgen machen. Aber, siehe oben, eigentlich lässt sich nur schließen, dass es mir grade sehr, sehr gut geht. Und wenn ich’s recht bedenke, stimmt das ja auch.

5. August 2006, 09:15