Leonardos Fahrrad? jörns notizen

06.
Januar
2007

So kann er also auch,

der Harald Martenstein. Eine ganze Seite feiner Filmkritik..» Seine wöchentlichen Lebenszeichen in der ZEIT les ich mit wechselndem Vergnügen. Aber aus Gewohnheit meist als erstes. Dass er auch anderes und anders schreibt, war mir nur unterschwellig klar. Ich habe es bisher nicht wahrgenommen. Das will aber nichts bedeuten. Bin ich in Gedanken, dann habe ich auf offner Straße einen Tunnelblick; das Minimum fürs Überleben. So manch Bekannten hab ich grußlos leicht beleidigt stehen lassen. Mit guten Freunden passiert mir sowas nicht. Sie kennen mich und nehmen es nicht übel. Und: ich kann mir keine Namen merken. So lese ich auch Zeitung, wie auf offner Straße. Manchmal lese ich und lese, und dann merke ich auf einmal, dass ich nur noch buchstabiere und in Gedanken ganz woanders bin.

Der Martenstein schreibt über einen Film, den wir noch gar nicht sehen konnten; er läuft im Kino erst in ein paar Tagen. Sowas mag ich schon mal nicht. In diesem Punkt sind ausnahmsweise die Konzert- und Theaterkritiker zu loben. Die kritisieren fast immer nur, was andere schon hören oder sehen konnten. Der Martenstein erklärt den Film von Levy für gescheitert. Doch er erklärt es sehr ausführlich, fundiert und auch ein bisschen zwiegespalten. Das mag ich. Nach Bruno Ganz nun also Helge Schneider. Die Feuilletons sind voll davon. Und alle halten sie die Luft an. Darf man das? Jenseits von Schindlers Liste Nazis zeigen? Der große Chaplin durfte. Martenstein macht als Problem aus, dass “die Knallcharge H. und der H. aus den Aufklärungsfilmen […] einander dauernd in die Quere [kommen], Levy entscheidet sich nicht zwischen ihnen.” Und diese Angst, dass mancher nicht mehr unterscheiden könne, ist durchaus zu diskutieren.

Mir fällt dabei was andres ein, aus meiner DDR-Schulzeit. Da wurde uns begründet, warum wir trotz des vielen Materials in Ton und Bild aus jener Zeit so wenig davon vorgeführt bekämen: weil wir womöglich noch nicht gefeit gegen Propaganda des Dritten Reiches wären. Wahrer Grund dagegen dürfte wohl gewesen sein, dass sich die Oberen der DDR zurecht davor gefürchtet haben, dass mancher nicht zu unterscheiden wisse zwischen uniformen Fackelmärschen unter rotem Fahnenmeer und uniformen Fackelmärschen unter rotem Fahnenmeer mit Hakenkreuz. Ich weiß da wohl zu unterscheiden; der Unterschied beläuft sich auf ein paar Millionen Tote. Aber es gibt auch unangenehme Gemeinsamkeiten.

Mir kommt ja eher bei all den Reportagen über H. das große Kotzen, und Martenstein bemerkt dazu sehr treffend, dass “Sogar der Name von Hitlers Schäferhund […] mehr Deutschen geläufig sein [dürfte] als der Name des aktuellen Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern.” Genau. Ich will den ganzen kranken Käse über diesen Hitler gar nicht wissen. Was und wie denn der nun wirklich war. Ein kranker Mensch oder schlicht ein Schlächter. Ich habe das Gefühl, dass hinter all dem Luftanhalten ob des Films von Levy auch ein wenig Angst vor Selbsterkenntnis steht. Der Weg zu einer Diktatur verläuft unmerklicher, als wir es glauben, fürchte ich. Einen H. als die Personifizierung alles Bösen anschauen zu dürfen lenkt so angenehm von eigenem Verschulden ab. Vom angstvollem Schweigen Neonazis gegenüber, seien sie nun von der tumben oder vor der raffinierten Sorte. Lenkt ab von stiller Akzeptanz beständig aufgeweichten Datenschutzes, der den Diktaturen-Instrumentenkoffer zur Überwachung immer größer werden läßt. Eine Diktatur sind nicht nur die Verbrecher an der Spitze, eine Diktatur hat immer einen breiten Sockel. Mit der Angst fängt es an. Das macht mir Angst und Mut zugleich.

6. Januar 2007, 13:15