Leonardos Fahrrad? jörns notizen

31.
Januar
2007

Obliando oder Die Kunst des Vergessens

Ach nein, so weit ist es noch nicht gekommen, dass ich meine Vergesslichkeit zur Kunst erklären wollte. Sich zu vergessen, sich in Gedanken zu verlieren, das ist schon eher eine Kunst in diesen Zeiten ohne Zeit.

Einem Tsunami gleich überrollen uns Informationen, jeden Tag und jede Stunde. Englisch ‘information’ kehrt aus Vernunft den Plural untern Tisch und lässt das Zählen sein. Digitale Speichermedien suggerieren, dass verlustfrei alles und für alle Ewigkeit gespeichert werden könne. Dabei ist die Halbwertszeit der neuen Speichermedien lachhaft im Vergleich zum guten alten Buch. Und leichter zu bedienen ist das Buch auch. Aber die durchaus interessante Frage nach dem Umgang mit all der digital gespeicherten Information, hinsichtlich Zugriff und Erhalt, interessiert mich weniger.

Was wird aus einer Kultur, die sich beständig konserviert? Was macht es mit einem Künstler, dieses Gefühl, alles sei schon dagewesen? Es hat manchem Lethargie beschert, des Rettung vielleicht ein Bad gewesen wäre, im Fluss Lethe, dem Fluss des Vergessens. Oder frische Luft, bei einem Gang hinaus, unter klarem Sternenhimmel oder bei düstrem Wolkendräuen. Hintergründig Konstruktionen aus Zitaten bilden und in wildem Eifer neue Formen suchen, ist das der Weg zu neuer Kunst? Führt der Weg in das Schlaraffenland, wo die Ideen nur so zugeflogen kommen, führt er ausschließlich durch den Griesbreiberg vergangener Jahrhunderte, muss man sich wirklich erst durch alles dies hindurchgefressen haben, bevor man den eigenen Ideen trauen darf?

Meine kurze Antwort: Jein. Und auch dies liegt noch daneben. Ich such mein Heil im Schreiben, eine Kurzgeschichte wächst, und der Titel steht nicht fest, jedoch schon drüber, “Obliando oder Die Kunst des Vergessens”. Irgendwann erlieg ich der Versuchung und ich such danach im Web. Und werde fündig, ja, na klar. Ist alles schon mal dagewesen. Und nun liegen da drei Bücher, und mit Harald Weinrich werde ich beginnen, in freudiger Erwartung, “Lethe – Kunst und Kritik des Vergessens”.

31. Januar 2007, 20:52