Leonardos Fahrrad? jörns notizen

14.
Februar
2007

Così fan tutte

Wenn Loriot einst spöttelte, Mozarts Oper “Così fan tutte” sei derart unanständig, dass sie in Deutschland meist italienisch gesungen werde, so lenkte er damit, sei es bewusst geschehen oder unabsichtlich, aber jedenfalls galant von der Misere ab, in der alle übersetzten Varianten stecken. Die Quadratur des Kreises, nur mit Zirkel und Lineal, dass das nicht geht, es ist bewiesen. So viel Rationalität bedient jedoch die Sprache nicht, es wird wohl immer Streitpunkt bleiben, ob Lyrik übersetzbar ist. Zumindest eins ist sicher. Ganz dicht ist übersetzte Dichtung nie.

Ich stolperte mal wieder durch eine Übersetzung, diesmal “Così fan tutte”, Nr.10 – das Terzettino zwischen Fiordiligi, Dorabella und Don Alfonso aus dem ersten Akt.

Die Geliebten Dorabellas (der “Goldschönen”) und Fiordiligis (etwa “fleißig-sorgfältige Blüte”?) sind grad im Schiff entschwunden, welches sie zum Felddienst bringen soll, zum Feld des Krieges; sie sind ja Militärs. Das Schiff entschwindet nun bei ruhiger See und klarem Himmel gen Horizont, und von den drei Zurückgebliebenen weiß nur Alfonso, dass die beiden Krieger verkleidet wiederkehren werden, um einen andren Kampf zu fechten: sich über Kreuz ihre Geliebten auszuspannen. An des Gelingen die beiden überhaupt nicht glauben können – sie ließen sich auf eine Wette ein, um Geld und um die Ehre. Natürlich kennen wir den Lauf der Dinge, für die beiden Paare wird am Ende nichts mehr sein, wie es mal war.

Soave sia il vento,
Tranquilla sia l’onda,
Ed ogni elemento
Benigno risponda
Ai nostri desir.

Beschwörend um das Wohlergehen der Geliebten bittend? Wehmütiger Nachruf der beiden Frauen, am Ufer treuen Herzens harrend? Man meint in den Streichern die abertausend kleinen Glitzerwellen unter schwüler Sommerluft zu hören.

Schwül ist auch das Gefühl, das über dieser Szene liegt. Weniger Don Alfonsos wegen, der natürlich ganz anderes erhoffen muss, als Dorabella und Fiordiligi. Warum lässt Lorenzo Da Ponte aber seine Zeilen im Verlangen münden, hätte er nicht ebenso zu augurare (wünschen) greifen können, oder zu auspicio (dem Erhofften), riechiesta (der Bitte) oder volontá (dem Willen)?

Zugegeben, mein Augenmerk wurde durch eine Übersetzung auf diesen Schluss gelenkt, weil dort schon auf den ersten Blick der Wortlaut nichts mehr von dem Ursprung hatte, ich fand zwei sehr ähnliche Varianten:

Weht leise, ihr Winde,
Sanft schaukle die Welle,
Seid freundlich und linde,
Ihr wogenden Fluten,
Seid hold ihrer Fahrt!

Und, in den beiden vorletzten Zeilen etwas näher am Original:

Weht leise, ihr Winde,
Sanft schaukle die Welle,
Und (all) ihr Elemente,
Seid freundlich und milde,
Seid hold ihrer Fahrt!

Eigentlich nur wegen dieser “Fahrt” in Fahrt gekommen, landete ich erst bei cosi-fan-tutte.de, einer interessanten Auseinandersetzung mit den Interpretationen dieser Oper, und schließlich bei der Überzeugung, es müsse doch um Mozarts Willen besser gehen. Es geht besser. Finde ich jedenfalls.


Soave sia il vento

Dass der italienische Imperativ dem Konjunktiv Präsenz gleicht, das kann man im Herzen bewegen, andererseits sollte man es nicht überbewerten, denn Liebenswürdigkeit kann gut auch im nur Äußerlichen liegen. Also ist ‘sei’ statt ‘möge sein’ oder gar ‘ach, wenn es doch wäre’ wohl in Ordnung, zumal ja ‘sei’ und ‘sia’ einsilbig sind und ähnlich klingen.

Also Lieblich sei der Wind? Lie-ieblich klingt nicht, und auch Wind hat eine Silbe zu wenig. Bei der Welle sind wir es gewohnt, in solch Zusammenhang eher in der Mehrzahl zu formulieren, warum nicht dann auch Winde, es löst den Silbenmangel. Weht leise aus obigen Übersetzungen ist ein guter Kniff und würde passen, wegen der Nähe von leise zum nachfolgend verwendeten tranquillo mochte ich es aber nicht, neigte dann zu milde, bis ich ebendies selber in der nächsten Zeile brauchte, alsdenn wie oben:

Weht leise, ihr Winde


Tranquilla sia l’onda

Das obige Sanft schaukle die Welle klingt etwas albern, des schaukle wegen, zumal noch eine Silbe fehlt und so scha-aukle gesungen werden muss. Wie bei Wind würde ich eher zur Mehrzahl Wellen greifen, obgleich die Welle genug an Silben hat. Statt Wellen verwende ich dann aber Wogen, der Schwüle wegen; der Busen wellt ja nicht, er wogt. Als Ersatz für das etwas doppelbödige tranquilla, das zwischen ruhig, still und unbesorgt zu übersetzen wäre.

Seid milde ihr Wogen

Dies mild, es passt nicht ganz, ist aber dafür klanglich und in der Bedeutung einigermaßen ähnlich zur doppelt zu singenden Mittelsilbe von Tranquilla. Nicht optimal, aber man muss sich irgendwann entscheiden.


Ed ogni elemento

Die erste obige Übersetzungsvariante (Seid freundlich und linde) unterschlägt die Elemente ganz, was ich für einen Fehler halte. Mit der zweiten bin ich einverstanden, zumal der erneute Wechsel zum Plural nur konsequent ist:

Und all ihr Elemente


Benigno risponda
Ai nostri desir.

Das Verlangen ist ähnlich zweideutig wie desir (bzw. desiderio). Aber leider etwas zu lang, um desir zu ersetzen. Es würde den Silben und der Betonung nach gut den Platz von risponda einnehmen können, beinahe hätte ich die beiden Zeilen entsprechend formuliert, da ist mir das schöne Wort Begehren eingefallen, Kurzform Begehr. Besser als Verlangen, denn wenn man heute was begehrt, dann klingt das nicht so fordernd, als verlangte man etwas. Und erotisches Verlangen ist mit der Begierde auch nicht weit.

Also Zeilentreue. Benigno risponda macht Probleme, Für wörtlich Liebenswürdig möge entsprechen muss ich radebrechen, um die darauffolgende Zeile zu retten:

Sei freundlich eu(e)r Wirken

Allein der Komposition wegen muss desir an seinem Platz Ersetzung finden; einige Male bleibt die zweite Silbe mit schwirrendem Verlangen liegen:

Nach uns(e)rem Begehr


Mir ist dies Terzett zu einer Schlüsselszene, einem Angelpunkt geworden, als ein Scharnier der ganzen Oper empfinde ich diese Beschwörung. Ich favorisiere unbenommen das italienische Original, aber weil das Singen auch Texttransport bedeutet, halte ich Übersetzungen am Bühnenrand für wichtig. Und die dürfen ruhig lyrisch sein, wenn sie denn nur so nah als möglich bei dem grad Gesungnen bleiben. Meine Variante ist ein Versuch, das Ziel ist nicht erreichbar, Quadratur des Kreises, siehe oben.

Weht leise, ihr Winde,
Seid milde ihr Wogen,
Und all ihr Elemente,
Sei freundlich euer Wirken
Nach unserem Begehr

14. Februar 2007, 18:53