Leonardos Fahrrad? jörns notizen

06.
Juni
2007

Mascha Kaléko

würde morgen hundert Jahre – leben, warten, sehnen, hoffen, trauern, hassen, lieben? All das, vielleicht, und ganz vielleicht auch wieder dichten. Trotz der Verluste, an Heimat, Sohn und Mann, Gesundheit? In den Endzwanzigern und Dreißigern sprudelt Ihre Verse-Quelle noch, darin im übertragnen und im Wortsinn umgeben von Tucholsky, Ringelnatz, Klabund und Kästner, in der Zeit der Künstler-Cafés in Berlin, und diese Zeit klingt nach und trägt sie wohl noch über die Jahre der Emigration. Hätte, könnte, wollte, was wäre, wenn… wie viele Lebenswege wurden grau und mühsam durch nur ein Dutzend Jahre teutschen Größenwahn.

Auf sie bin ich erst aufmerksam geworden in der jüngsten ZEIT, oder wars die vorvorletzte? Da gab es ein paar Lyrikseiten, und mein Blick hing sofort fest an Ihren Zeilen, so frisch und unverblümt und frech entgegen allen Kunstkunstschwurbels ganz brav im Takt und dazu noch gereimt. Und so diagnostiziert sie selbst: Weiß Gott, ich bin ganz unmodern./ Ich schäme mich zuschanden:/ Zwar liest man meine Verse gern,/ Doch werden sie – verstanden! Ich sag, man mag so etwas mögen oder nicht, die Frage: Was ist Kunst? behält Gewicht.

Mascha Kaléko, derzeit allenorten in den Bücherläden, des Jubiläums wegen. Finden, blättern, kaufen und genießen – bevor sie womöglich wieder für ein paar Jahre ganz vergriffen ist.

6. Juni 2007, 09:30